Wie es zu zwei Versionen vom Moehsnang-Jass kam
Warum die AG Müller das Kartenspiel von Egbert Moehsnang in kurzer Folge neu herausgab: Der ersten Ausgabe lag ein Fragebogen an die Jasser bei.
Ende der 1970er Jahre wurde der Schweizer Jasskarten-Markt von Billig-Produktionen, vor allem aus dem Ausland, überflutet. Kann mich noch daran erinnern, mit Karten aus der DDR gejasst zu haben, bei denen einige Figurenkarten auffällige Schnäuze hatten. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Auf jeden Fall kam dadurch der heimische Markt unter Druck. Gerade der führende Hersteller AG Müller bekam das zu spüren. Um dem etwas entgegenzusetzen, wurden zweifellos verschiedene Möglichkeiten diskutiert. Da kam wohl auch die unkonventionelle Idee zur Sprache, ein neues Schweizer Kartenbild zu kreieren, das gleichzeitig auf historischen Spielkarten basiert. Dieses würde somit auch urheberrechtlich voll geschützt sein, und das konnte nicht durch minime Änderungen umgangen werden.
Dafür wurde der freischaffende Künstler Egbert Moehsnang verpflichtet, der die Unterstützung von Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten erhielt. Im Jahr 1982 kam dann dieses Spiel auf den Markt.
Auf seine Art ist es recht originell gestaltet, und der Schilten-Under, der seinen entblössten Hintern zeigt – nur knapp mit dem Schild bedeckt – ist schon fast legendär. Wobei diese kleine Provokation sich nachweislich auf Karten bezieht, die möglicherweise aus dem 15. Jahrhundert stammen. Weiter hatte jedes Farbzeichen eine dominante Farbe, aber eher in Pastelltönen gehalten:
- Schellen: gelb, resp. ocker
- Schilten: blau, resp. himmelblau
- Rosen: rot, resp. hellrot
- Eicheln: grün, resp. olivgrün

Typ A. Referenz: Manser [2018] Nr. "JSB 020" (Seite 124)
Gemäss gewissen Referenzen wurden im Erscheinungsjahr gleich zwei verschiedene Versionen dieses Spiels herausgegeben. Dabei unterscheiden sie sich nicht etwa durch die Grösse der Indices (mit einer Ausprägung für Senioren), sondern an den Farben ist einiges anders.
So wechselte der Schellen-Ober die Hut-Farbe, und der Schilten-Under hat nun eine Tonsur, wobei sein Schild gleich ein anderes Muster bekam, um nur ein paar wenige Änderungen zu nennen. Am meisten fällt aber auf, dass sich die Farben jetzt näher an den Grundtönen Rot, Blau, Gelb und Grün orientieren und somit auch intensiver wirken.

Typ B. Referenz: Manser [2018] Nr. "JSB 021" (Seite 124)
Doch was hat Müller dazu bewogen, dieses Spiel gleich doppelt herauszugeben?
In meiner Sammlung habe ich ein solches Kartendeck vom Typ A, bei dem ein Faltblättchen beigelegt ist, das nun mindestens die Datierung vom Typ B in ein ganz anderes Licht rückt. Diese Version erschien definitiv nicht im selben Jahr, schon gar nicht gleichzeitig. Bei dem Blättchen handelt es sich nämlich um eine Umfrage an die Jasser, die ein solches Spiel erworben haben.

Text vom Faltblättchen, Einführung mit Erklärungen
In der Umfrage werden verschiedene Aspekte angesprochen, auch die Farben.

Text vom Faltblättchen, Fragebogen. Interessant ist noch, dass die Zahlenkarten "Brettli" genannt werden, ein Begriff der heutzutage kaum mehr verwendet wird.
Anscheinend kam bei den Teilnehmenden dieser Umfrage eine gewisse Unzufriedenheit bezüglich der Farben zutage. Auf jeden Fall sind die Farben beim Typ B nun recht kräftig, fast schon leuchtend.
Womit sich nun die Frage stellt, wann die revidierte Auflage in den Verkauf kam. Es wäre doch sehr sportlich, das in nur einem Jahr zu schaffen. Leider steht auf dem Blättchen nichts von einem Einsendeschluss. Interessant wäre auch zu wissen, wie viele solcher Fragebogen beigelegt wurden und wie lange. Ich vermute, dass das sehr befristet war; vielleicht sogar nur in der allerersten Auslieferung.
Weiter musste man den Rücklauf abwarten, sammeln und auswerten. Dann wurden die Resultate an Herrn Moehsnang weitergeleitet. Auch er brauchte seine Zeit, die Änderungen vorzunehmen. Und bis das schliesslich gedruckt und verteilt wurde… Ich schätze mal, dass das frühestens 1984 der Fall war.
Müller war sich bewusst, dass es seine Zeit braucht, ein etabliertes Kartenbild zu ersetzen. Bereits die Umstellung der einköpfigen Karten zum Doppelbild dauerte mehr als 30 Jahre, also mindestens eine volle Generation. Doch hier wollte man diesen Prozess wohl gezielt beschleunigen, womit man mit einer mittelfristigen Ablösung rechnete. Im Faltblättchen bekannte man sich ja dazu, dass die alten Karten weiterhin auf dem Markt blieben.
Es liegt jedoch nahe, dass das Projekt nicht wie erwartet lief. Die Kennzahlen müssen so weit vom Ziel entfernt gewesen sein, dass unweigerlich mehr als bloss Zweifel aufkamen.
Doch ein rascher Ausstieg war auch nicht möglich. Unglücklicherweise hat man sich mit diesem Satz auf dem Beiblatt selbst in Zugzwang gesetzt: "PS: Als Anerkennung und Dank für die Mitarbeit erhält jeder 10. Einsender gratis ein neues Jass zugesandt." So war man gezwungen, mindestens eine kleine Auflage geänderter Jasskarten zu drucken.
An den Umrissen, also den schwarzen Begrenzungslinien der Bilder, wurde nichts angepasst. Alle Änderungen betrafen nur die Buntfarben, was auch einen überschaubaren Aufwand bedeutete.
Und jetzt eine weitere Beobachtung. Es dürften viel mehr Karten vom Typ A hergestellt worden sein als vom Typ B. Ein Sammler hat mir mal erzählt, dass er sich schon mehrere dieser Spiele beschafft hat, aber sie waren alle ausnahmslos vom Typ A. Das deutet darauf hin, dass die Verkaufszahlen auch nachher eher rückläufig waren. Es dauerte dann nicht mehr lange, bis die Karten ganz aus dem Sortiment genommen wurden.
Vollständigkeitshalber finden sich hier noch die beiden Seiten vom ganzen Faltblättchen.


Ralph – 25. September 2026
